Gegen den Alltagsstress: Entspannungsmöbel und digitale Entspannungsinhalte
„Das Thema, mit dem wir uns hier befassen, ist so banal wie auch gesellschaftlich hochrelevant“, beschreibt es Markus Schwarz treffend. „Es geht letztlich um Entspannung.“ Der Stress im Alltag nimmt stetig zu, verbunden damit sind oftmals gesundheitliche Folgen wie Schlafstörungen oder Erschöpfung. Genau hier setzt seroton an. Mit einem Mix aus Hardware, etwa in Form von Liegen, Matten oder Stühlen und digitalen Entspannungsinhalten in einer App möchte man dem Alltagsproblem „Stress“ entgegenwirken. Grundlage hierfür ist eine multisensorische Entspannungstechnologie. Audio-Inhalte in der App, etwa zu Themen wie Meditation oder Achtsamkeit, werden mit haptischen Berührungen über die Möbelstücke kombiniert. „Aber bevor wir das jetzt lange in der Theorie erklären, probiert man es am besten einmal selbst aus“, schlägt Nastasia Gläser vor. Wir stehen auf und gehen nur ein paar Schritte ins Nebenzimmer, in dem verschiedene seroton-Produkte zu Testzwecken aufgebaut sind. „So, bitte Platz nehmen“, sagt die Mitgründerin, während sie auf eine der Liegen deutet und einem ein paar Kopfhörer übergibt.
Nach einer kurzen Einführung befindet man sich gedanklich auf einer schwimmenden Luftmatratze auf dem Meer. Man hört das leichte Rauschen der Wellen, das Plätschern des Wassers. Auch die Kontakte und Druckbewegungen der Liege, die durch die pneumatische Steuerung des Produkts ausgelöst werden, sind passend. Die Liege unterstützt bewusst, drückt etwa beim Einatmen den Rücken leicht durch. Wenn man die Liege nach etwa 10 Minuten wieder verlässt, fühlt man sich tatsächlich lockerer und merklich entspannt. Und damit ist man offensichtlich nicht allein. „Wir bekommen eine Menge an positiven Rückmeldungen“, berichtet Nastasia Gläser lächelnd. „Erst kürzlich haben wir mit einer Familie gesprochen, die mit unserem Produkt sehr zufrieden war.“ Das kann auch Markus Schwarz nur bestätigen: „Sowohl die Eltern als auch der Sohn nutzen das Produkt regelmäßig – zu ganz unterschiedlichen Tageszeiten oder Intentionen. Etwa zum Abschalten oder zum Herunterkommen vor dem Schlafengehen.“
Bewährte Technologie mit neuem Anstrich
Kurz darauf kommt man auf die schwarze Box mit der Aufschrift „seroton“, die neben dem Möbelstück steht, zu sprechen. „Diese intelligenten Boxen sind das Herzstück unserer Produkte“, weiß Markus Schwarz. „Sie dienen als Grundlage, mithilfe derer die Möbelstücke angesteuert und mit Inhalten aus der App synchronisiert werden.“ Im Wesentlichen baut seroton dabei mit der „Pneumatik“ auf einer Technologie auf, die seit etlichen Jahren im Automotive-Bereich etabliert ist – und über die das Gründerteam eine Menge technisches Know-how besitzt. Jedoch legt man den Fokus beim Gunzenhäuser StartUp auf andere Funktionen als im Automotive-Bereich: So können über sogenannte Formgedächtnisaktuatoren etwa langsame und schnelle oder schwache und starke pneumatische Veränderungen – und somit über Berührungen auch haptische Gefühle – erzeugt werden.
Die technische Konstruktion und Herstellung der Kunststoffteile übernehmen dabei nahegelegene Partner. Man setzt auf kurze Wege und möglichst umweltverträgliche Transportlösungen. Über Zwischenstationen – unter anderem in den Donau-Ries-Werkstätten in Wemding, in denen Menschen mit Herausforderung die Subkomponenten verkleben und zusammenbauen – gelangen die Teile letztlich nach Gunzenhausen, wo derzeit noch das Partnerunternehmen Actuator Solutions GmbH (ASG) die Boxen final montiert.
Echte Handwerksqualität und Fokus auf neue, individualisierte App-Inhalte
Neben den Boxen lässt seroton auch die Möbelstücke von externen Partnern produzieren – und setzt dabei bewusst auf echte Handwerksqualität. So werden die Möbel teilweise von ausgewählten Tischlern exakt nach den Anforderungen von seroton angefertigt. Eine Entspannungsmatte, zwei Entspannungsliegen und ein Entspannungssessel gehören derzeit zum Portfolio. Nastasia Gläser streicht mit der Hand über die Oberfläche einer der Liegen. Die hochwertigen Materialien und die saubere Verarbeitung fallen sofort auf. Schnell wird klar: Die Produkte sollen nicht nur technisch funktionieren, sondern auch optisch und haptisch gefallen. Über den Vertrieb dieser physischen Produkte generiert man aktuell seine Einnahmen. Perspektivisch möchte seroton aber auch die digitalen Angebote aus der App kontinuierlich ausbauen – und ab einem gewissen Punkt auch vermarkten. „Unsere App, über die unsere digitalen Entspannungsinhalte mit unseren Möbelstücken synchronisiert werden, ist aktuell noch kostenlos“, sagt die Mitgründerin.
Trotzdem werden die Inhalte ständig erweitert – basierend darauf, wie die Anwender die App nutzen. Diese Erkenntnisse aus dem sogenannten „Innovator-Programm“, bei dem Nutzer ihre Erfahrungen direkt an seroton weitergeben, helfen bei der Weiterentwicklung enorm. Zukünftig möchte man so den Fokus noch mehr auf die vielfältigen und individualisierten Inhalte der App legen, sodass man auf absehbare Zeit auch eine Bezahl-Version etablieren kann. Für Nutzer, welche die App aktuell bereits verwenden, bleibt diese übrigens auch kostenlos. „Schnell sein lohnt sich also noch“, sagt Nastasia Gläser mit einem Augenzwinkern. „Dass die App für frühe Nutzer kostenlos bleibt, ist nur fair, denn von diesen Personen erhalten wir im Gegenzug wertvolles Feedback.“ Anstatt also einfach Programme zu entwickeln, möchte man aus diesen Daten konkret lernen.
Beschleunigte Innovationszyklen im StartUp-Umfeld
Wenn man die bisherige Erfolgsgeschichte von seroton betrachtet, dann erscheint das Ziel – zeitnah zu einer Bezahl-Version der App zu gelangen – mehr als realistisch. Denn, typisch für ein StartUp-Umfeld, gelang es dem Unternehmen, sehr schnell den Weg von der bloßen Idee zur Marktreife erster Produkte zu gehen. Nach der Gründung im Oktober 2023 konnte man bereits nach anderthalb Jahren einen ersten Prototyp vorlegen. „Gerade zu Beginn ist es essenziell, dass man früh eine erste Produktversion hat, welche man beim Kunden verproben kann. Das fand in unserem Fall vor allem im B2B-Bereich – konkret in Rehakliniken – statt“, erklärt Geschäftsführer Markus Schwarz.
Zur Wahrheit gehört auch, dass seroton hier natürlich von den bestehenden Verbindungen zum ebenfalls in Gunzenhausen angesiedelten Partnerunternehmen Smaiia GmbH sowie dessen Tochterunternehmen Acutator Solutions GmbH (ASG) profitiert hat. Die tiefgreifende Expertise zur Ursprungstechnologie, der Pneumatik, war dabei genauso wertvoll, wie die Option, die eigenen Anforderungen schnell in „etwas Vorzeigbares“ umsetzen zu können. Diese Unterstützung und ein entsprechendes Umfeld möchten die Gründer von smaiia, die Brüder und Unternehmer Markus und Andreas Gebhardt, im Übrigen nicht nur seroton, sondern auch anderen jungen Unternehmen in Altmühlfranken zur Verfügung stellen. Man hat deshalb Ende 2025 eine Art „Ökosystem für Start-ups“, das sogenannte „ecosystem“ Altmühlfranken geschaffen. Während wir an unseren Platz zurückkehren, präsentiert Geschäftsführer Markus Schwarz auf seinem Smartphone den mittlerweile live geschalteten Shop.
Ein kurzer Blick durch das Sortiment genügt, um zu erkennen, wie aus einer Idee ein marktfähiges Produktportfolio geworden ist. „Mittlerweile haben bereits über 20.000 Nutzungen im B2B-Bereich“, so Schwarz. Ein großer Pluspunkt der seroton-Produkte ist dabei, dass man die Einstufung als „Klassifikation therapeutischer Leistungen“ (KTL) erhalten hat. Das bedeutet die Produkte sind etwa für Rehakliniken über die Deutsche Rentenversicherung abrechenbar, zudem erweitern die Kliniken so ihr Spektrum. Für seroton fungieren die verkauften Produkte dort sowohl als kostenlose Ausstellungsfläche als auch als Trust-Element – eine Win-Win-Situation für alle Beteiligten.
Ambitionierte Ziele und der Bedarf nach qualifizierten Fachkräften
Es wäre aber untypisch für das Team von seroton, welches neben Markus Schwarz und Nastasia Gläser auch noch aus den Mitgründern Nico Vogler (Sales, Geschäftsentwicklung & Marketing) sowie Christoph Emmert (Produktentwicklung und Technologie) besteht, wenn man nicht schon die nächsten Entwicklungsschritte im Kopf hätte: In vielen Bereichen hat seroton zu Beginn Unterstützung erhalten. Nun möchte man aber eigenständig wachsen und sich entwickeln – mit großem Potential auf dem B2C- bzw. Endkunden-Markt. Perspektivisch gesehen wird hierfür auch neues Personal gebraucht.
Die Zahl der Beschäftigten soll von aktuell rund 15 auf über 20 bis Ende des Jahres 2026 wachsen. Insbesondere der Teilbereich Softwareentwicklung spielt dabei eine zentrale Rolle. Diese Aufgabe wird derzeit noch nahezu vollständig von Mitarbeitern abgedeckt, die ihren Arbeitsort in München haben oder remote tätig sind. Die Verbindung zu München stammt dabei aus der Kooperation mit dem UnternehmerTUM – Europas führendem Zentrum für Innovation und Unternehmensgründung, welches technologieorientierte StartUps unterstützt – sowie der Zusammenarbeit mit dem Münchner Technologiezentrum (MTZ). Das MTZ funktioniert dabei wie ein großer Co-Working-Space für StartUps. seroton profitiert hierbei nicht nur von einem innovativen Arbeitsumfeld, sondern auch vom Zugang zu einem starken Netzwerk aus Talenten, Experten und anderen Unternehmern.
Zukunft in Altmühlfranken: Für seroton und andere StartUps
Perspektivisch soll der Standort Gunzenhausen auch im Fokus bleiben. Dabei richtet sich der Blick verstärkt auf Talente aus der Region, etwa von der Hochschule Ansbach mit ihren technologie- und KI-orientierten Studiengängen. Ziel ist es, jungen Menschen aus dem Landkreis den Einstieg in die StartUp-Welt zu ermöglichen. „Die Arbeit ist dabei oft dynamisch und von sich schnell verändernden Prioritäten geprägt. Gleichzeitig eröffnet sie viele Entwicklungsmöglichkeiten. Wer Verantwortung übernehmen möchte und eine praxisorientierte Einstellung mitbringt, für den könnte es bei uns auch langfristig passen“, schätzt Nastasia Gläser die Situation ein.
Damit trifft seroton einen Nerv in der Region: Wie bei vielen mittelständisch geprägten Betrieben in Altmühlfranken sind auch hier Eigenverantwortung und praktisches Mitgestalten von Anfang an gefragt. Dieser gemeinsame Nenner könnte zudem auch weiteren StartUps in Altmühlfranken die ersten Schritte erleichtern. Die Unternehmensgründer von Smaiia möchten mit dem geschaffenen „ecosystem“ dabei als Vermittler auftreten und das eigene Netzwerk einsetzen, um Akteure zueinander zu führen. So ergeben sich für junge Unternehmen im Bestfall auch gleich Kundenbeziehungen zu regionalen Firmen.
Mit dem weiteren Wachstum von seroton entstehen künftig auch zusätzliche Stellen. Gesucht werden Softwareentwickler, aber auch Produktmanager, die neue Inhalte entwickeln und die Produkte strategisch begleiten. Ergänzt wird der Personalbedarf durch Positionen in der Verwaltung, im Vertrieb – aber auch im Marketing. „Die Menschen und Fachkräfte in Altmühlfranken und darüber hinaus sollen schließlich auch erfahren, was wir hier tun“, sagt Nastasia Gläser mit einem Lächeln. Am Ende bleibt vor allem ein Eindruck hängen: In Gunzenhausen entsteht etwas Besonderes. Ein junges Unternehmen mit großen Ideen, das zeigt, welches Innovationspotenzial in Altmühlfranken steckt.
Veröffentlicht 2026.